Das neue Sexualstrafrecht – was bedeutet es?

Was bedeutet es, wenn es heißt, das Sexualstrafrecht wird verschärft? Reicht es so aus und was ist wirklich wichtig, wenn es um sexuelle Selbstbestimmung geht? Wie frei dürfen wir miteinander umgehen?

 Das neue Sexualstrafrecht 2016Sexualstrafrecht, ein schweres Thema und eines mit vielen Vorbelastungen. Sehr viele Menschen haben sexuelle Übergriffe erlebt. Viele meiner Klienten, viele Freunde und auch ich selbst.

Wir sind geprägt durch unsere Ängste, unser Leid und das, was wir an Unterdrückung kennengelernt haben. Aus Gewalt wird Angst und diese Angst schreit danach, dass Ruhe, Frieden und Gerechtigkeit einkehren.

Gerechtigkeit allerdings ist nicht dann eingetreten, wenn jemand verurteilt wird. Das schafft keine Ruhe und keinen Frieden. Was aber dann? Zuerst einmal möchte ich sehr persönlich werden.

Ich wurde selbst vergewaltigt – von einem Mann. 18 Jahre alt war ich, angetrunken und ging zu Fuß nach Hause. Ich war doch ein harter Typ, ein Rocker und Halbstarker. Gerade kam ich von der Dampfwalze in Stolberg Rhld. Und ging zu Fuß etliche Kilometer nach Hause. Dort kam ein Mann, er verging sich an mir – wovon mir heute trotz Hypnose noch Bilder und Details fehlen – und ich erlebte sexuelle Gewalt. Angewidert, angeekelt und vollkommen verängstigt ging ich zu unzähligen Untersuchungen. Ich weinte viele Nächte und konnte mich erst spät meiner Mutter und ihrem Freund – einem Polizisten – anvertrauen. Es war viel zu spät, um etwas zu unternehmen. Sehr froh bin ich, dass ich nicht homophob bin und kein Problem mit der wie auch immer gearteten Sexualität von Menschen habe. So ging ich auch selbst schon beim CSD Köln bei einem Umzug mit und war ein Teil des CSD‘s und nicht nur Zuschauer.

Ich sollte selbst ein Vergewaltiger sein, das sagte eine stadtbekannte Denunziantin, die auch gegen gemeinnützige Initiativen wie die Hazienda Arche Noah meint vorgehen zu müssen. Sie verbreitete die Nachricht bei vielen Menschen durch XING, sie sollte ausgesagt haben in dem Vergewaltigungsprozess gegen mich, welchen meine Exfrau angeblich angestrebt hat. Ich entschied, mich nicht weiter dazu zu äußern, weil ich ohnehin nur angegriffen wurde und als Mann keine Rechtfertigung möglich ist, wenn eine solche Anschuldigung im Raum steht, wie uns der Fall Kachelmann trotz Freispruchs wissen ließ. Meine Exfrau und ich waren zwölf Jahre geschieden und wir haben 14 Jahre nicht miteinander gesprochen. Dann waren wir noch einmal ein halbes Jahr ein Paar. Hier erfolgte eine Aussprache und sie sah mich mit großen Augen an, als ich ihr eine der Beschuldigungs-Emails zeigte. Ihre Worte waren „Wir haben uns nicht gerade mit den besten Gefühlen getrennt, aber so etwas konnte und könnte ich mir bei Dir mit Sicherheit niemals vorstellen.“ Da sie beim Jugendamt der Stadt Aachen mit Vergewaltigungs- und Missbrauchsopfern gearbeitet hat, freut mich so ein Statement nach all diesen Jahren besonders. Wir sind übrigens trotz Trennung gute Freunde.

Der Film „Auf Teufel komm raus“ zu dessen Premiere ich in Aachen war und dessen Regisseurinnen ich kennenlernte, habe ich sehr interessiert angesehen. Der Sexualstraftäter Karlheinz D. aus Heinsberg Randerath war hier das Thema. Er wurde bloßgestellt, diffamiert und es gab eine riesige Aufruhr, die öffentlich initiiert wurde. Einmal verurteilt durfte dieser Mann kein normales Leben mehr führen. Was mir besonders zu denken gab und mich lange beschäftigt hat, war die Diskussion mit den Regisseurinnen nach dem Film. Jeder sprach von seiner Betroffenheit und seinem Thema, niemand bezog sich auf den Inhalt des Films. Das spiegelt für mich auch die anderen Situationen wieder. Wir reagieren wegen unserer Betroffenheit und nicht wegen dem, was gerade geschehen ist. Wir sind verletzt und deswegen offen für die Verletzung anderer Menschen. Daher sind wir auch manchmal geneigt, Partei zu ergreifen, ohne zu wissen, was geschehen ist.

Ein Video- Experiment zeigte eine Sequenz, in welcher ein Mann eine Frau abweist und anstupst. Alle halten zu der Frau, die von diesem Mann kaum berührt wird. Die umstehenden Menschen helfen ihr. Nun wird der Film zurückgedreht und die Frau greift den Mann an, schlägt ihn und schimpft ihn aus. Auch hier wird der Frau durch das Umfeld der Rücken gestärkt. Der Mann hat nie angegriffen und wird dennoch von allen umgebenden Menschen zurückgedrängt. Es wird unterstellt, er habe angegriffen. Er ist der Schuldige – so oder so. 40% häuslicher Gewalt geht von Frauen aus.

Täter und Opfer – ich kann mitreden. Mitreden kann ich, weil ich selbst Opfer war, zu Unrecht öffentlich beschuldigt wurde, Täter zu sein und wegen noch mehr. Ich kann mitreden, weil ich mit vielen Opfern von Gewalt jeder Art gearbeitet habe und arbeite. Mitreden kann ich auch, weil ich mit Menschen arbeite, die fürchten, Täter zu werden und weil ich auch mit Freunden viele Gespräche hatte. Es sind viele Menschen betroffen. Gewalt – nicht nur im Bereich der Sexualität – ist ein Thema, das sehe wichtig ist. Wir alle haben die Verpflichtung, uns gegen Gewalt für ein gutes Leben zu positionieren.

Es ist wichtig, dass wir genau hinschauen, offen und ergebnisoffen sind. Wir müssen aufstehen gegen Gewalt und wir dürfen es nicht zulassen, wenn Menschen Gewalt ausgesetzt werden.  Ebenso dürfen wir nicht Menschen beschuldigen, weil wir uns mit angegriffen fühlen, wenn jemand verletzt und missbraucht wird. Darüber hinaus darf es nicht sein, dass sexuelle Übergriffe dazu führen, dass wir uns öffentlich als von einem Prominenten ausgenutzt darstellen können oder wir einen möglichen Übergriff als Drohmittel nutzen dürfen, der nie stattgefunden hat. Falsche Beschuldigungen und falsche öffentliche Anklagen sind ebenso schlimm wie unterlassende Anzeigen. Wissentlich falsche Anschuldigungen müssen ebenso hart bestraft werden, denn hier werden Menschen vernichtet, bevor sie verurteilt sind.

Ich freue mich, wenn ihr euch outet und wenn ihr etwas durch einen Kommentar dazu beitragen möchtet. Lasst uns verarbeiten, was wir erlebt haben. Öffnen wir uns dem Leben. Stehen wir zu dem, was wir zur Anzeige bringen müssen. Verurteilen wir  niemanden, bevor er verurteilt wurde. Lernen wir, achtsamer zu sein und uns darum zu kümmern, dass wir Opfern und Tätern helfen, Prävention besser wird und wir Menschen in Not helfen, wenn es wichtig ist.

Ebenso dürfen wir uns annähern, flirten, sanft Grenzen ausloten sowie miteinander eine tolle und schöne Sexualität kennenlernen. Wir müssen dafür einstehen, dass Menschen es ausprobieren dürfen, sich zu nähern, denn warum sollten wir uns nicht annähern dürfen? Wir haben nur dafür zu sorgen, dass niemand verletzt, ausgenutzt oder mit Gewalt gezwungen wird – egal wozu. Sexualität ist schön, Annäherung ist toll und Offenheit wichtig. Suchen wir nach dem Zünglein an der Waage zwischen Sexualität, Selbstbestimmung, Flirt und Grenzüberschreitung, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Respekt und Toleranz. Liebe und Sexualität lassen das Leben erst schön werden. Achten wir darauf, dass alle Menschen ein schönes Leben kennenlernen dürfen.

Übrigens: Danke für die offenen Worte im Artikel von Thomas Bünten, die auch mich ermutigt haben, diesen Artikel zu schreiben.

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Kommentare

Das neue Sexualstrafrecht – was bedeutet es? — 7 Kommentare

  1. Muss man erst einmal sacken lassen was man gelesen hat .
    Es ist einfach nur grausam was einem Menschen wieder fahren kann .
    Da fehlen einem erst einmal die Worte , und man weiß erst einmal nicht wie man damit um gehen soll .
    Nur gut das Du Deinen Weg zum Positiven verändern konntest !

    • Es hilft mir heute, Menschen zu verstehen, die depressiv sind, handlungsunfähig und die nicht gleich sagen, was sie belastet. Das ist nicht einfach, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Es selbst zu erleben und überwunden zu haben, ist sehr hilfreich und schafft Augenhöhe.

  2. Schön das man es geschafft hat es selbst zu überwinden auch wenn es bestimmt unheimlich schwer war , und gleichzeitig sich zum Ziel gesetzt hat anderen , denen auch schlimmes wieder fahren ist zu Helfen !
    Es gehört schon viel Mut dazu so offen zu schreiben .
    Es macht einem Mut , das es solche Menschen gibt ,die es sich zur Aufgabe gemacht haben , anderen aus ihrem tiefen Loch in dem sie gefallen sind raus zu holen !
    Danke dafür .

  3. Danke für die lieben Worte. Es hat sicher damit zu tun, selbst Dinge empfunden zu haben, jemanden mit seinem Leid zu verstehen. Dazu war es wirklich gut, aus heutiger Sicht zumindest.

  4. Nachdem ich 20 Jahre brauchte, um mich selbst als „Opfer“ zu erkennen, muß ich zugeben, es fällt mir schwer, diesen Artikel zu lesen und nicht mißzuverstehen. Zu akzeptieren, dass einem so etwas widerfahren ist, ist schon schwer, den Abstand zu finden, zwischen Täter und zu Unrecht beschuldigte Täter zu unterscheiden, noch schwerer. Leider bilden sich Menschen meist ein Urteil, ohne die wiegen Umstände auch nur annähernd zu kennen…so oder so…

    • Hallo Daniela,

      es ist leider so, dass man oftmals deswegen nicht unterscheidet, weil man selbst betroffen oder tief berührt ist. Das gehört irgendwie dazu und schafft das Besondere an solch intensiven Themen.

      Warst Du selbst das Opfer bzw. was machte Dich in Deinem Glauben zum Täter?

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